-
Muskelkater – Ursache, Behandlung, Vermeidung
von moov1 , vor about 1 year
Eigentlich braucht "Muskelkater" keine nähere Erklärung, denn nahezu jeder hat es schon einmal am eigenen Leib gespürt – nach einer intensiven Sporteinheit oder einer Wanderung etwa. Es geht um jene Bewegungsschmerzen, die meist einen Tag nach ungewohnten muskulären Beanspruchungen auftreten und nach wenigen Tagen bis spätestens einer Woche spontan wieder verschwinden. Die betroffenen Muskeln sind steif, oft hart und geschwollen, und werden als kraftlos empfunden.
Die falsche Fährte – Milchsäure, Entzündung, Muskelhärte
Bis Anfang der 80er Jahre ging man davon aus, dass der Schmerz auf eine Milchsäureüberlastung des betreffenden Muskels zurückzuführen ist. Diese Annahme war in sich nicht schlüssig, denn bei einem 400-m-Lauf entsteht mehr Milchsäure (Lactat) als bei einem Fußballspiel – dennoch trat Muskelkater nach dem Lauf so gut wie nie auf, nach einem Fußballspiel sehr wohl. Die Lactat-Theorie musste verworfen werden.
Ebenfalls widerlegt wurden folgende beiden Annahmen: Die Entzündungshypothese ging davon aus, dass durch überschwellige Belastungen des Muskels lokale Entzündungen mit den entsprechenden Beschwerden entstehen. Auch mittels der Muskelhärte versuchte man den Muskelkater zu erklären: So sollten angehäufte Stoffwechselprodukte osmotisch (griech. für ‚Eindringen’, ‚Stoß’, ‚Schub’, ‚Antrieb’) Wasser in die Zellen ziehen und durch die entstehende Schwellung die Kapillaren (sehr feine, lang gestreckte Hohlräume) einengen und die Durchblutung behindern.
Die richtige Fährte – Muskelfaserrisse im Mikrobereich
Heute weiß man, dass bei Muskelkater kleine Muskelfaserrisse entstehen. Ausgelöst wird ein Muskelkater fast ausschließlich durch dynamisch-negative (exzentrische) Muskelbeanspruchung mit ungewohnten Brems- und Abfangbewegungen wo der Muskel, der während der Bewegung auseinander gezogen wird, die Bewegung abzubremsen versucht. Ballspielen wie etwa Tennis, Squash oder Fußball, wo es zu einem häufigen Stoppen und wieder Antreten kommt, liegen hoch im Kurs für einen Muskelkater – aber das Treppensteigen oder Bergabgehen bedingen häufig Muskelschmerzen.
Weh tut’s erst am nächsten Tag: Warum?
Beim Muskelkater entstehen durch ungewöhnliche Bewegungsmuster an der so genannten Z-Scheibe Aufquellungen, Verbreiterungen und vielfältige mikroskopische Einrisse. Die Z-Scheibe ist der am leichtesten verletzbare Teil der Myofibrille (Funktionseinheit in den Muskelzellen). Dieses Zerreißen spürt man deshalb nicht, da es im Faserinneren des Muskels keine entsprechenden Rezeptoren dafür gibt. Weh tut es erst, wenn der Abbau der zerstörten Strukturen beginnt: Dafür strömt Flüssigkeit in die Zelle ein und schmerzauslösende Substanzen (Histamin) treten aus – das ist, wenn die Schmerznervenendungen gereizt werden. So kann erklärt werden, warum der Schmerz erst viele Stunden nach Belastungsende auftritt.
Was tun, wenn’s weh tut?
Ein Muskelkater heilt nach einigen Tagen ohne Zutun von selbst aus, ohne Narben zu hinterlassen – grundsätzlich ist nach acht Tagen bis spätestens 3-4 Wochen auch unterm Mikroskop keine Spuren mehr sichtbar. Dennoch können durchblutungsfördernde Maßnahmen den Heilungsprozess etwas beschleunigen: Empfohlen wird ein lockeres Training wie leichte Gymnastik oder Jogging. Auch zusätzliche Wärme durch Saunagänge, Infrarot-Kabine oder Bäder wirkt schmerzlindernd; Kräuterzusätze wie Rosmarin oder Fichtennadeln verstärken den Effekt. Das Einreiben der betroffenen Stellen mit Alkohol oder Salben mit Kampfer, Menthol oder Latschenkieferöl sowie Tigerbalsam wirken erfrischend – der Schmerz verschwindet zwar nicht, wird jedoch erträglicher. Schlechte Nachrichten gibt es für die, die ihre Massage mittels Muskelkater rechtfertigen: Massagen stellten sich in Untersuchungen kaum als hilfreich heraus. Sie tun trotzdem gut.
Muskelkater ade – mit Kirschsaft und Kaffee?
An zwei amerikanischen Universitäten fand man Hinweise, dass Sauerkirschsaft und Kaffee den Muskelkater mildern können:
An der University of Vermont/USA führte Declan Connolly eine placebokontrollierte Ministudie mit 14 männlichen Collegestudenten durch, in der sie die Auswirkung von Kirschsaft auf Muskelkater beforschte: Bei Sportlern, die drei Tage vor sowie vier Tage nach einer Übung Sauerkirschsaft tranken, sank die Muskelkraft nach dem Training nur um vier Prozent ab; bei der Kontrollgruppe war es um 22 Prozent. Außerdem fiel der Muskelkater milder aus: Das durchschnittliche Schmerz-Empfinden war geringer ausgeprägt und der Muskelkater ging rascher vorüber als beim Konsum des Placebo-Getränks.
Und mit der Auswirkung von Kaffee auf einen bestehenden Muskelkater befasste sich Victor Maridakis an der University of Georgia/USA: In seiner Ministudie mit neun jungen, untrainierten Frauen kristallisierte sich heraus, dass zwei Tassen Kaffee (eine Stunde vor dem Training getrunken) bestehende Muskelschmerzen um 48 Prozent dämpfen können.
Was tun, damit’s gar nicht weh tun wird?
Der beste Muskelkater ist jedoch nach wie vor der, den man gar nicht bekommt. Dafür trainiert man am besten regelmäßig und mehrmals die Woche, und berücksichtigt Pausen im Trainingsplan. Wichtig ist, die sportliche Leistung langsam zu steigern – die untrainierte Muskulatur soll nicht sofort übermäßig stark und lange beansprucht werden. Aufwärmen und Dehnen gehört dazu, auch wenn man inzwischen herausgefunden hat, dass es dem Muskelkater nicht vorbeugt. – Die Gelenke und Sehnen sind dankbar dafür.
Zum Abschluss: Muskelkater auf Österreichisch
Wer vorhat, einen Muskelkater in Österreich zu bekommen, sollte das Wort "Spatzen" in seinen Sprachgebrauch aufnehmen. "Ich hab heut’ solche Spatzen!" hört man im Alpenland, wenn der Muskelkater beklagt wird. – Wahrscheinlich, weil die Schmerzen so "zwitschern".
Zum Thema durchs Netz gejoggt:
Wildor Hollmann, Heiko K. Strüder, Theodor Hettinger:
Sportmedizin. Grundlagen für körperliche Aktivität, Training und Präventivmedizin, 5. Auflage, Schattauer: 2009, S. 244ff.
US-Forscher vermuten: Kirschsaft hilft gegen Muskelkater auf www.aerzteblatt.de, Beitrag vom 23.06.2006.
Sportlicher Cocktail: Kirschsaft gegen Muskelkater, gefunden auf www.netdoktor.at, Beitrag vom 21.06.2006.
Böning, Dieter: Muskelkater, www.aerzteblatt.de, Dtsch Arztebl 2002; 99: A 372–375 [Heft 6]
Böning, Dieter: Muskelkater, Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, Jahrgang 51, Nr. 2 (2000), S. 63f
Tipps gegen Muskelkater, gefunden auf Vienna Online, Beitrag vom19.03.2008
Rache des Körpers: Muskelkater, gefunden auf Techniker Krankenkasse, Autor: Sportwissenschaftler Peter Teschke, erstellt am 06.05.03; zuletzt aktualisiert von Diplom-Sportwissenschaftler Uwe-Folker Haase am 05.02.09.
Kaffee hilft gegen Muskelkater, gefunden auf Focus Online, Beitrag vom 10.01.07
So entsteht Muskelkater, gefunden auf www.netzathleten.de, Beitrag vom 20.03.09.
Tags: training bewegung muskelkater muskelfaserrisse spatzen laktat bewegungsschmerzen ungewohnte muskuläre beanspruchung milchsäure milchsäureüberlastung entzündung muskelhärte zellen z-scheibe myofibrille muskelzellen durchblutung ursache behandlung vermeidung kräuterzusätze sauna kirschsaft kaffee
Kategorien: Fitness Ausdauer Kraft unzuordenbar Wissen Training Bewegung Deutsch
Melde dich an, um ein Kommentar zu schreiben.
